Wie Gesundheitsmanagement zum Erfolgsfaktor wird - Best Practice: Steiermärkische Sparkasse

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Seit über 10 Jahren arbeitet research-team erfolgreich mit der Steiermärkischen Sparkasse zusammen. Das Gesundheits- und Performancemanagment (GHPM) des Unternehmens wurde schon häufig mit nationalen und internationalen Gütesiegeln ausgezeichnet. Zeit einmal gemeinsam zurückzuschauen. Wir treffen zum Gespräch: Maria Wonisch, seit 2008 die Leiterin des GHPM bei der Steiermärkischen Sparkasse.

research-team: Was war für Sie der Einstieg in das Gesundheitsmanagement?

Maria Wonisch:
Es hat vor meiner Zeit in der Steiermärkischen Sparkasse schon ein Gesundheitsmanagement gegeben. Dieses war sehr verhaltenspräventiv orientiert, d.h. es wurden viele Veranstaltungen angeboten, die zwar als „nett“ befunden wurden, allerdings keine nachhaltigen Veränderungen mit sich brachten. Den Namen „betriebliches Gesundheitsmanagement“ hatte das Programm zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdient.  Bei meinem Einstieg war die klare Vorgabe, dass das GHPM (Gesundheits-  und Performancemanagement) wirklich in die Organisation hineinwirken solle.

Inzwischen gibt es drei Säulen des GHPM:

  1. Veranstaltungen – mit ca. 200 verhaltenspräventiven Veranstaltungen pro Jahr in Graz.
  2. Verhältnisprävention –  Eines der Einstiegsprojekte war die Burnout-Prävention und damit verbunden auch das betriebliche Wiedereingliederungsmanagement. Weitere wichtige Faktoren waren und sind die Suchtprävention und die Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz.
  3. Arbeitsmedizin –  für arbeitsmedizinische Tätigkeiten und als Unterstützung bei präventiven Aufgaben und Projekten.

rt: Welche Maßnahmen empfinden Sie rückblickend als besonders wichtig?

Maria Wonisch:
Als eine sehr wichtige Maßnahme in der jüngeren Zeit sehe ich die betriebliche Wiedereingliederung (BEM). Vor BEM wurde mit jedem Krankheits- oder Unfallfall sehr individuell umgegangen. Hierdurch war der Prozess nicht immer für alle MitarbeiterInnen gleich fair und transparent. Mit Einführung des BEM wurde ein standardisierter Prozess geschaffen und dokumentiert. Mit einem festen Prozess-Regelwerk können fairere Entscheidungen unter Berücksichtigung der Unternehmensvorgaben sowie des persönlichen Gesundheitszustandes der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen getroffen werden. So können allen MitarbeiterInnen die gleichen Rahmenbedingungen geboten werden, und dennoch individuelle Lösungen erarbeitet werden.

Eine weitere wichtige Veränderung entstand 2009, als wir die Qualitätskriterien des „Fond Gesundes Österreich“ übernommen haben. Der Gesundheitsbegriff ist sehr umfassend und für uns stellten sich die Fragen: Wo grenzen wir uns ab? Wie bleiben wir transparent? Im Zug dieses Prozesses sind Cluster mit Gesundheitsthemen entstanden, die den MitarbeiterInnen eine Orientierung  geben sollen und bei der Entscheidung helfen, ob z.B. eher eine sportliche oder eher eine mentale Aktivität bevorzugt wird. Insgesamt wurde unser Schwerpunkt auf Kundenorientierung gelegt, sprich die MitarbeiterInnen durch Befragungen einzubeziehen und die Organisation von GHPM auf betriebliche Gegebenheiten angepasst.

rt: Was waren wichtige „Lessons learned“ der letzten Jahre?

Maria Wonisch:
Die Administration ist sehr komplex und einem stetigen Optimierungsprozess unterworfen. Dabei müssen Kosten und Nutzen abgewogen werden.  Ein großer zeitlicher, finanzieller und mentaler Aufwand für Maßnahmen, die kaum wahrgenommen werden, sollte immer hinterfragt werden.

Auch die rechtlichen Anforderungen sind herausfordernder geworden. Generell setzten wir immer noch auf Handschlagsqualität, doch z.B. die Verschwiegenheitspflicht und auch die generelle Haftungsfrage bei möglichen Unfällen sind kritisch zu sehen. Inzwischen nutzen wir einen, an der Universität Graz ausgearbeiteten, Fragebogen zur Erfassung der Qualitätskriterien von Gesundheitsanbietern. Dabei geht es um die wirtschaftliche Standfestigkeit von Trainern oder Experten und um den Nachweis ihrer fachlichen Qualifikation.

Quasi ein „Luxusproblem“ ist die Aufgabe, Gewohnheitseffekte zu vermeiden. Auch bei einem etablierten GHPM, das viele Angebote über viele Jahre hinweg bietet, sollten die MitarbeiterInnen begeistert bleiben und nicht in eine fordernde Haltung hineinkommen. Uns ist die Eigenverantwortung der MitarbeiterInnen besonders wichtig - wir stellen ein großzügiges Angebot dar, aber die Motivation und den Schritt zum Wahrnehmen des Angebots müssen MitarbeiterInnen selber setzen.

Einen wichtigen Erfolg sehe ich darin, dass wir Teil der Unternehmensstruktur und -kultur geworden sind. Wir bilden eine direkte Schnittstelle zum HR-Bereich und sind Teil des gesamten Management-Prozesses. Wir machen eine jährliche Planung mit strategischen Gesundheitszielen, die an unternehmensstrategische Ziele angepasst sind. Außerdem sind unsere Qualitätsstandards sowie  die strukturierte Organisation mit klaren Prozessen wichtige Erfolgsfaktoren.

Schließlich sehe ich Kommunikation als einen sehr wichtigen Faktor. Wir müssen Gesundheitsthemen in der Organisation ansprechen und dafür stehen. Regelmäßige Aussendungen auf unterschiedlichen Kanälen sichern die laufende Information aller MitarbeiterInnen.

rt: Was wäre ein guter Einstieg in das Thema Gesundheitsförderung für ein Unternehmen, das noch nichts in diese Richtung tut?

Maria Wonisch:
Zunächst würde ich zu niederschwelligen Angeboten raten, die populär sind.  Was gut angenommen wird, ist vermutlich von Unternehmen zu Unternehmen  unterschiedlich. Bei uns sind z.B. EMA-Trainings (Anm.: Fitnesstraining mit Muskelaktivierung durch Strom) sehr beliebt, während sie in einem unserer Partnerunternehmen überhaupt nicht angenommen wurden.  Wichtig ist es, eine „kritische Masse“ zu begeistern, die Werbung für das Programm macht und in es in die Breite trägt. Darauf aufbauend kann man sich dann weiter in einzelnen Themen vorarbeiten.

rt: An welchen Kennzahlen messen Sie sich?

Maria Wonisch:
Unsere wichtigste Kennzahl ist die Kosten-Teilnehmer–Ratio, also die Frage: was kostet uns eine Veranstaltung pro Teilnehmer? Diese Zahl gibt mir einen Richtwert darüber, wie gut wir unsere Kurse füllen. Außerdem lässt sich so nachvollziehen, wie sich die Trainerkosten bzw. Preise gestalten. Derzeit liegt unsere Kosten-Teilnahme-Ratio bei 28 € pro Seminar pro TeilnehmerIn (TN), 20€ pro Vortrag pro TN und 27€ pro TN pro Sportkurs (mit 5 Einheiten).

Weitere Kennzahlen, die wir betrachten sind:

  • Betreuungsspanne (wie viel administratives Personal wird benötigt, um wie viele Kunden zu betreuen?)
  • Nutzungsquote
  • Krankenstandstage
  • Gesundheitsquoten
  • Gesamtkosten/Kostenstruktur
  • Anzahl an betrieblichen Wiedereingliederungen

rt: Bei einem Finanzunternehmen sicher keine unwichtige Frage: Rechnet sich das betriebliche Gesundheitsmanagement denn auch finanziell?

Maria Wonisch:
Dazu gibt es zwei Ansätze:

  1. Die reinen Veranstaltungskosten können durch Kostenbeiträge der teilnehmenden (Kooperations-)Unternehmen und der MitarbeiterInnen gedeckt werden, d.h. ein Null-Summen-Spiel.

  2. Die Overhead-Kosten des Gesundheitsmanagements können nur schwer gegengerechnet werden. Meine Einschätzung ist allerdings, dass durchaus ein positiver Zusammenhang besteht, sprich :

  • unsere Langzeitkrankenstandsquote liegt unter 30 MitarbeiterInnen pro Jahr
  • wir haben weniger als 7 Krankenstandstagen pro MitarbeiterIn im Jahr und
  • wir haben weniger als 10 Burnoutfällen im Jahr

bei insgesamt 1500 MitarbeiterInnen.

Das sind extrem gute Werte. Schon mit zwei oder drei Langzeitkrankenständen oder Burnout-Fällen, die wir verhindern können, hat sich das GHPM für ein Jahr gerechnet. Hinzu kommt, dass Gesundheit und vermiedenes Leiden nicht wirklich zu rechnen sind.

Außerdem haben wir (nicht nur aufgrund des GHPM) eine konstant hohe Arbeitszufriedenheit, was langfristig dem Unternehmen sicher als Return zu Gute kommt.

rt: Eine letzte Frage: Was begeistert Sie persönlich am Gesundheitsmanagement?

Maria Wonisch:
Jeder Tag ist anders. Alles ist stets in Bewegung. Selbst wenn alles in Prozesse und Regelwerke gegossen ist, hat man immer mit Menschen zu tun, die in unterschiedlichen Situationen und Kontexten immer wieder anders reagieren – es bleibt immer spannend.