„Wer hat an der Uhr gedreht…“ - Arbeitszeitflexibilisierung und ihre Auswirkung auf den Menschen

Arbeitszeitflexibilisierung: Mehr Zeit im Büro

Anfang Dezember des letzten Jahres verkündete die neue österreichische Bundesregierung im Rahmen ihrer Koalitionsverhandlungen, Betrieben die Möglichkeit einräumen zu wollen, Arbeitstage auf eine Höchstgrenze von 12 Stunden sowie die Wochenarbeitszeit auf maximal 60 Stunden zu erhöhen. Allgemein solle jedoch an der bisherigen 40-Stunden-Woche bzw. der täglichen Höchstgrenze von 10 Arbeitsstunden festgehalten werden, ebenso wie an Regelungen in Kollektivverträgen. Als Antwort darauf meldeten sich im letzten Monat viele kritische Stimmen, aber auch vereinzelt BefürworterInnen dieser neuen Option zu Wort. Doch wie ist eine solche Veränderung aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie einzuordnen?

Sich mit der Arbeitswelt gemeinsam weiterentwickeln

Hinter der Erweiterung des aktuellen Arbeitszeitmodells steckt die Absicht, sich damit an die wandelnde Arbeitswelt anpassen zu können. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig fällt, ist jener der sogenannten Arbeitszeitflexibilisierung.

Zum einen wird darunter die Adaptierung der Arbeitszeiten an wechselnde Arbeitsanforderungen verstanden. So kommt es in vielen Unternehmen im Verlauf des Jahres zu Stoßzeiten, zu denen auftragsbedingt mehr Arbeit anfällt als in anderen Perioden, was durch flexiblere Arbeitszeiten besser bewältigt werden könnte. Zum anderen wird mit dem Schlagwort „flexible Arbeitszeiten“ auch auf die Work-Life-Balance von Beschäftigten verwiesen, sprich die Möglichkeit, Berufliches und Privates zugunsten der eigenen Lebensqualität in Einklang bringen zu können. In einem weiteren Schritt werden durch die Arbeitszeitflexibilisierung positive Auswirkungen auf die Zufriedenheit und Motivation sowie das Commitment und die Produktivität der MitarbeiterInnen erwartet.

Bei vielen ExpertInnen bestehen jedoch große Zweifel an den Fortschritten, die durch die Erhöhung der Arbeitszeiten als Flexibilisierungsmaßnahme angestrebt werden. Vor allem von Seiten der ArbeitnehmerInnenvertreter wird vermehrt auf mögliche negative Auswirkungen der Arbeitszeitanpassung hingewiesen. Beispielsweise bestehen Bedenken zu den Themen Gehalt, Pausengestaltung, Sicherheit und Müdigkeit am Arbeitsplatz sowie Produktivität, Gesundheit, Unfallrisiko oder Zufriedenheit der MitarbeiterInnen.

Die vorgeschlagene Erhöhung der maximalen Tages- und Wochenarbeitszeit wird von der Bundesregierung als eine von vielen möglichen Vorgehensweisen gehandelt, um ebendiese Arbeitszeitflexibilisierung zu erzielen. Die Umsetzung dieser Maßnahme sieht vor, dass Unternehmen selbst arbeitszeitliche Änderungen bei Bedarf vornehmen können – dies jedoch nur in Absprache mit dem Betriebsrat bzw. mit den MitarbeiterInnen selbst, sofern kein Betriebsrat vorhanden ist.

Was sagt die Wissenschaft?

In der Wissenschaft sind Arbeitszeiten seit vielen Jahren ein intensiv beforschtes Thema. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der Untersuchung negativer Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die körperliche und psychische Gesundheit, während potenzielle Vorteile bislang kaum erforscht sind.

In einer größeren Erhebung von 2009 bis 2012 untersuchte Paul Jiménez von der Universität Graz den Zusammenhang zwischen flexiblen Arbeitszeiten und dem Erholungs- und Beanspruchungsniveau von MitarbeiterInnen: Beschäftigte, die sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen konnten, wiesen dabei die höchsten Erholungs- und niedrigsten Beanspruchungswerte auf – und damit auch das geringste Burnoutrisiko! Wichtig ist hierbei die Mitsprache bzw. die Möglichkeit des eigenen Einflusses auf die Arbeitszeit. Diese Teilhabemöglichkeit ist eine zentrale Ressource.

Aus der Medizin gibt es einige Ergebnisse zum Thema Arbeitszeiten zu berichten. So konnten internationale Studien unter anderem Hinweise liefern, dass lange Arbeitszeiten mit Burnout assoziiert sein können sowie bei Personen mit mangelnder körperlicher Aktivität mit schweren und behindernden Kopfschmerzen in Verbindung stehen. Zudem gibt es Befunde, dass mit langen Arbeitszeiten auch der tägliche Alkoholkonsum steigen kann.

Die Psychologin Dr. Kerstin Gaisbachgrabner, die zusammen mit Professor Wolfgang Kallus an der Universität Graz intensiv zum Thema long working hours geforscht hat, bestätigt: „Lange Arbeitszeiten (48+ Stunden pro Woche) führen zu einer inadäquaten Erholung  bzw. beeinträchtigen die Regenerationsfähigkeit massiv. Bei einem ungünstigen Verhältnis zwischen Beanspruchung und Erholung bzw. bei dauernder oder wiederholter Überbeanspruchung ohne hinreichende Erholung kann das Risiko für psychische und physische Erkrankungen (wie kardiovaskuläre Störungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen oder auch Diabetes und Depression) ansteigen.“

Alternative Arbeitszeitmodelle

Während in Österreich über die Verlängerung der Arbeitszeit gesprochen wird, wird parallel dazu in vielen Ländern diskutiert, wöchentliche und tägliche Arbeitszeiten zu reduzieren – bei gleichbleibendem Gehalt. Hinter diesem Ansatz steckt die Überlegung, dass derselbe Arbeitsoutput in gleicher Qualität auch in einer kürzeren, aber produktiveren Zeitspanne geleistet werden kann.

Den eigenen Anforderungen gerecht werden

Ein Patentrezept für optimale Arbeitszeiten gibt es nicht. Allgemein zeigt sich, dass erhöhte Wochenarbeitszeiten langfristig negative gesundheitliche Auswirkungen auf MitarbeiterInnen haben können – was meist auch Einbußen auf Unternehmensseite bedeutet.

Eine Arbeitszeitflexibilisierung könnte sich aber auch positiv auf die Lebensqualität der MitarbeiterInnen und die Unternehmensleistung auswirken, indem sie sowohl Betrieben als auch Beschäftigten mehr Spielraum geben könnte, Arbeit nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Hierfür muss jedoch die Balance zwischen Beanspruchung und Erholung stimmen.

Es gilt also, die Anforderungen und Bedürfnisse im eigenen Unternehmen und der Menschen die im Unternehmen arbeiten genau zu analysieren und darauf aufbauend zu entscheiden, welches Arbeitszeitmodell am besten geeignet ist. Sollen derzeitige Regelungen verändert werden, sind klare Kommunikation an die MitarbeiterInnen und eine begleitende Evaluierung Erfolgsfaktoren.